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Die Kunst Veränderung zu bewirken – Ted Talk von Elisabeth Hahnke –

Veröffentlicht am 21 November 2016von: Greta Adolf-Wiesner
in Aktuell

Liebe Freunde,
Diese Rede hat meine Schwiegertochter anlässlich eines Ted-Talks geschrieben.
Sie hat uns erlaubt sie auf unserer Webseite zu veröffentlichen.
Spirit sagt uns immer wieder: „Veränderung geschieht zuerst im Geist.“
Ändere Deine Gedanken, Deine Haltung zum Leben und Deine Erfahrungen werden sich verändern.
Wozu uns Elisabeth ermutigt ist, jeden Schritt zu tun, der auf die Erde bringt, was wir im Geist gewandelt haben.

einen wunderbaren Tag uns alle
Greta

 

Die Kunst Veränderung zu bewirken

Ich bin jetzt 32. Neulich habe ich in den Spiegel geschaut und ein erstes weißes Haar entdeckt. Ich verändere mich, ob ich will oder nicht. Ich meine, ich habe nicht darum gebeten, dass sich Fältchen um meine Augen legen. Und doch, selbst wenn ich nichts aktiv tue: Veränderung geschieht in jedem Moment. Das ist ein unscheinbarer Satz. Einer, den man zu leicht als selbstverständlich nehmen könnte: So wie: „Ist ja eh klar!“ Aber für mich ist er einer der spannendsten und kostbarsten Sätze auf dieser Erde. Denn…wenn Veränderung ohnehin immer geschieht, welche Möglichkeiten haben wir dann, darauf einzuwirken? Was könnte alles möglich sein, wenn ich Veränderung bewirke, die

verbindet statt ausgrenzt

ermutigt statt verhindert

mehr Liebe ermöglicht, als noch mehr Angst?

Damit beschäftige ich mich seit 12 Jahren. Und ich will mit Ihnen heute teilen, welche Erfahrungen ich mit meiner großen Lehrerin „Veränderung“ erlebt habe – vor allem, was sie mich gelehrt hat.

Ich wurde drei Mal ins Leben geboren – von meiner Mama, meiner Schwiegermama und meiner Tochter. Alle drei haben den Kurs meines Lebens verändert.

Meine Mama steckte als Kind in sehr schwierigen Lebensumständen. Sie wusste schon als kleines Mädchen, dass sich das Leben so nicht aushalten lässt. Sie wusste wie gefährlich ein angstvolles Herz ist, denn das haben ihre Eltern ihr gezeigt. Die Atmosphäre in der sie aufwuchs, war geprägt von Gewalt. Und anders als so viele Menschen, die ihre frühen Erfahrungen, wiederholen, traf sie die mutige Entscheidung, ihre Familiengeschichte nicht weiterzuführen. Da war sie 5 Jahre alt! Sie wusste damals noch nichts von einer anderen Möglichkeit zu leben. Aber sie ging auf die Knie und traf eine Entscheidung: „Gott also, wenn ich groß bin, will ich nur eins: eine Familie, die sich liebt. Bitte mach das!“ Als sie mir das erzählt hat, hat mich das zutiefst beeindruckt und bewegt. Sie war noch ein Kind und doch sie hatte die Kraft, ihre Lebensumstände zu ändern. Ihr Ziel war es ein Leben voll Liebe zu führen. Ich bin die Tochter einer Frau, die ihr Leben verändert – um 180 Grad gedreht hat.

Das erste, was ich also über Veränderung gelernt habe war: Ich habe die Wahl, ob ich der Angst folge oder der Liebe, egal wie die Umstände sich zeigen.

23 Jahre später traf ich meine Schwiegermama. Bevor ich sie traf, war ich auf Karrierekurs. Ich bin in Berlin-Hellersdorf, in der Platte aufgewachsen und ich wollte einfach nur da weg. Es gab die Möglichkeit zu promovieren. Als ich meiner Schwiegermama das erste Mal begegnete, fragte sie mich: „Elisabeth, was willst Du denn wirklich, wirklich mit Deinem kostbaren Leben anstellen?“ Ich hatte diese Frage vorher noch nie gehört. Mein Leben ist kostbar? Das war eine völlig neue Idee! Vielleicht, wenn möglich, würde ich gern einen positiven Unterschied machen und die Welt verändern! 

Nur wie? Wo beginnt man, wenn man die Welt verändern möchte? Man beginnt dort, wo man ist. Bei den eigenen Talenten und Wünschen, bei den Problemen die einen zutiefst berühren. Mit der Geschichte meiner Mama im Rücken und den Bildern der Platte im Herzen, wusste ich, dass ich im Bildungsbereich arbeiten wollte und zwar mit Jugendlichen, denen noch keine stabile Startrampe ins Leben gebaut wurde.

Das zweite, was mir die Veränderung beigebracht hat: Fang da an, wo Du bist.

Und wie wagt man jetzt den Sprung? Wie entscheidet man sich für diese Art von Arbeit und lässt die klassischen Karrieremöglichkeiten los?

Das ist die dritte Geschichte:

Ich hielt unsere drei Monate alte Tochter im Arm und mich durchfuhr eine Erkenntnis: „Du wirst Dich später weniger an das erinnern, was ich Dir sage, sondern vielmehr an das, was ich lebe.“ Ich gab ihr ein Versprechen. „Ich verspreche Dir, dass ich Dir vorleben werde, dass Du auf dieser Welt ganz Du selbst sein kannst und dass Du genau damit Dinge zum Guten verändern wirst. Ich zeige Dir, dass gelebte und kompromisslose Liebe hier möglich ist.“ Deswegen ließ ich mein Promotionsangebot damals sausen.

Das ist also das Dritte was ich über Veränderung gelernt habe: Handele. Sei wirksam in der Welt, statt nur in Deiner Vorstellung.

Diese drei Frauen, meine Mama, meine Schwiegermama und meine Tochter, sind meine Mentorinnen. Sie haben für mich in jeder Hinsicht einen Raum geschaffen, in dem ich mich erkennen und entfalten konnte. Sie haben den Kurs meiner Geschichte vollständig verändert. Seitdem ist Veränderung mein Programm.

Vom ersten Atemzug bis zu unserem letzten, verändern wir den Lauf der Dinge, schreiben wir Geschichte – unsere eigene und die der Menschen, die mit uns gehen. Es ist nicht möglich, dass wir durchs Leben kommen, ohne etwas zu bewirken.

Aus dieser Erfahrung entstand das größte deutschlandweite Mentoring-Programm für Jugendliche. Mit ROCK YOUR LIFE! bringen wir zwei getrennte Welten zusammen. Wir bauen eine Brücke zwischen jungen Menschen aus der Uni und jungen Menschen aus der Hauptschule. Eine Studentin und eine Hauptschülerin arbeiten zwei Jahre zusammen, z.B. wie Alisa und Nina. Es geht darum, Nina auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben zur Seite zu Seite zu stehen. Mit ihr herauszufinden, wer sie wirklich ist, was ihre Superkräfte sind und was Nina mit ihrem Leben anstellen möchte. Alisa begleitet sie auf diesem Weg. Dabei verändern sich immer beide. In Deutschland hängt Bildungserfolg nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab. Aber was heißt das? Ich wusste: es ist nicht die Plattenbausiedlung selbst, die einen zurückhält. Es sind die Geschichten, die man sich eher in der Platte erzählt. Das sind andere Geschichten als im Villenviertel. Geschichten von „nicht gut genug sein“, Geschichten über „Arbeitslosigkeit“, Geschichten vom „Leben als Kampf“, Geschichten von „Unmöglichkeiten, anstelle von Möglichkeiten“. Die Idee zu ROCK YOUR LIFE! entstand aus einer Beobachtung, die meine Freunde und ich teilten. Wir fragten uns immer wieder, warum wir an dieser tollen Uni studieren konnten. Jede Antwort auf diese Frage lief darauf hinaus: „Weil da jemand war, der mehr als ich, an mich geglaubt hat.“ Wir wollten das teilen. Wenn eine Veränderung bereit ist zu entstehen, dann können Sie darauf vertrauen, dass es viele Menschen gibt, die genau denselben Ruf gehört haben wie Sie. Um ROCK YOUR LIFE! zu ermöglichen, haben sich bis heute 2.000 Studierende für die Organisation und den Aufbau des Mentoring-Programms engagiert und damit 4.000 Mentoring Beziehungen ermöglicht. Einer von den vielen tausend Mentees ist Unmut. Er macht gerade sein Abitur. Er ist mit seinem Mentor Tim seit mittlerweile 6 Jahren im Tandem unterwegs. Unmut sagt: „Ohne ROCK YOUR LIFE! hätte ich niemals den MSA geschafft und würde niemals jetzt das Abitur machen, denn Tim war meine Muse.“ In einer Studie fanden wir heraus, dass 58% der ROCK YOUR LIFE! Schüler nach dem Programm auf eine weiterführende Schule gehen und 23% in die Ausbildung.

Und das ist das Vierte, was ich über Veränderung gelernt habe: Positive Veränderung ermöglichen wir dann, wenn wir in ermutigenden und vertrauensvollen Beziehungen sind.

Wir verändern immer die Leute, die an unserer Seite gehen! Und wenn wir es schaffen, ein liebevolles Umfeld für uns und die anderen zu sein, dann geschieht es fast von allein, dass sich Potentiale entfalten. Es ist nicht unser Job jemanden zu retten oder zu verändern. Es ist unser Job durch unser Handeln zu inspirieren und sichere Arenen für uns und andere zu schaffen. Solche, in denen wir wachsen können.

Nach meiner Zeit bei ROCK YOUR LIFE! bin ich als Trainerin losgezogen. Ich tauschte meine Geschäftsführerposition gegen den Stuhlkreis ein. Der wurde meine Bühne. Ich arbeite mit Geflüchteten, mit Managern, mit Mitarbeitern, Selbstständigen, Führungskräften, Studierenden, Kids – mit Menschen eben. Ich wollte dabei sein, wenn etwas geschieht, wenn ein Leuchten in den Augen auftaucht oder ein Aha-Moment, etwas ins Rollen bringt. Dort habe ich meine bis jetzt letzte Erfahrung über die Kunst der Veränderung gemacht…

In Schulen mache ich z.B. Seminare, die inspiriert sind von der Frage meiner Schwiegermama: „Was willst Du wirklich, wirklich mit Deinem kostbaren Leben anfangen?“ Der Klassenraum ist dann meine Arena, in der Veränderung möglich werden kann. Wissen Sie, es kann sein, dass ich aus einer „objektiven“ Perspektive, einen Workshop an einer Schule furchtbar finden müsste. Einige Kids sind laut, wir kommen nicht mit der Zeit hin, manche verweigern sich, andere wollen tiefer in die Themen einsteigen. Einmal stand ein Junge während des Workshops auf und drehte sich im Kreis. Einfach so. Ein andermal schlichen zwei Kids davon – ich fand sie auf dem Dach! Es kann leicht vorkommen, dass ich mir dann die Frage stelle, ob das alles überhaupt irgendetwas bringt und ob es Sinn macht, ob das, was ich mache in irgendeiner Form wirksam ist. Aber dann passieren jedes Mal Situationen, wie die folgende:

Wir machen mit den Kids Übungen wie diese: Die Jugendlichen schreiben eine WhatsApp an 5 Menschen und fragen darin: „Hey, was sind meine 5 größten Talente?“ In der Pause weinte ein Mädchen und ein Pulk Freundinnen stand um sie herum. „Hey, was ist los?“ Eine Freundin des Mädchens erklärte: „Ihre Mum hat ihr gerade zurückgeschrieben, dass sie sie liebt. Das hat sie noch nie gemacht!“ Wow!

Oft wissen wir nicht oder erst sehr viel später, was unsere Handlungen auslösen. Mit welchem Nebensatz wir jemandem seine Stärken gezeigt haben? Mit welcher kleinen Geste wir einen Unterschied ermöglicht haben. Wir haben es nicht gemacht, wir haben es ermöglicht.

Das fünfte Learning, dass ich mit Ihnen über Veränderung teilen will, ist: Lassen Sie uns niemals zu schade sein, für all die kleinen Schritte, die wir jeden Moment tun können, genau da, wo wir gerade sind!

Was bedeutet das für uns alle, für Sie und für mich?

Sie sind Lehrer? Sind Sie Führungskraft? Sind Sie Mutter? Sind Sie Journalistin? Kreativer? Sind Sie Unternehmerin? Sozialarbeiter? Studierende? Sind Sie Angestellter? Künstler? Sind Sie Vater? Sohn? Tochter? Sind Sie Mensch? Gut. Dann haben Sie alle einen Raum, in dem Sie wirken. Klassenzimmer, Büros, Hubs, Wohnzimmer, Schreibstuben, Bibliotheken, Taxis, Besprechungsräume. Das sind Ihre Arenen. Hier wirken Sie. Immer wenn wir in Beziehung mit anderen Menschen sind, wirken wir. Immer wenn wir unsere Kreativität ausdrücken, wirken wir. Veränderung ist kein Nullsummenspiel. Sobald Du Dich auf diese große Lehrerin Veränderung einlässt, bleibt kein Stein auf dem anderen.

Sie wirken in Ihren Familien, in Ihren Jobs, in Ihren Ehrenämtern, sogar im Supermarkt! Schauen Sie genau hin: Was funktioniert dort nicht? Wo wird ausgegrenzt? Ausgebeutet? Darüber hinweggesehen? Gestritten? Bevormundet? Manipuliert? Alleingelassen? Verändern Sie.

Wo wird gesehen, gewürdigt, gefragt, zugehört? Wo werden Lösungen entwickelt, die nachhaltig sind? Machen Sie mehr davon.

Was fehlt in Ihrer Arena: Freude? Respekt? Kreativität? Vertrauen? Bringen Sie es!

Was ist zu viel in Ihrem Wirkungsraum? Misstrauen? Vergleich? Stress? Reduzieren Sie! Wir können das.

Veränderungen zu bewirken, erfordert Hingabe und auch Demut. Es ist Arbeit. Arbeit, für die wir jeden Tag aufstehen. Arbeit, die es erfordert das wir uns zeigen. Arbeit, die uns herausfordert etwas anders zu tun, als die meisten Menschen um uns herum. Arbeit, die von uns verlangt, dass wir für unsere Arenen 100% Verantwortung aufnehmen, wissend, dass wir dadurch lediglich unsere Welt verändern und nicht die Welt. Veränderung will, dass ich erkenne, dass genau das mehr als genug ist.

Letzten Endes lande ich nach 12 Jahren auf Gandhis Schoß. Meine große Lehrerin „Veränderung“ grinst mich an und sagt: „Erst wolltest Du also die Welt verändern. Dann wolltest Du das Bildungssystem verändern. Danach wolltest Du die anderen Menschen verändern. Das hat alles nicht funktioniert. Du hast jetzt vielleicht verstanden, dass die wesentliche Veränderung in Dir geschieht – inspiriert von Menschen, die für Dich einen Raum der Liebe halten. Und dann…dann beobachtest Du plötzlich, wie Veränderung um Dich herum geschieht.“

Es fällt mir nicht immer leicht, aber wenn das so ist, wie ich es hier beschreibe und anhand meiner Geschichte tausendfach erlebt habe, dann heißt das: beginnen musst Du mit Dir. Von dort aus, entsteht echter und tiefgreifender Wandel. Denn Du bist das Zentrum Deiner eigenen Arena. Alles andere bleibt nur auf der Ebene von Optimierung oder Symptombekämpfung.

So wie es meine Mama vor genau 50 Jahren gemacht hat, als sie sich entschieden hat, der Liebe mehr zu vertrauen als der Angst. Sie hat beschlossen, unsere Familiengeschichte umzuschreiben. Letztendlich schließt sich da der Kreis meiner Geschichte. Sie hat mir von Anfang an, durch ihr Leben gezeigt, dass der Wandel in mir stattfinden muss. Und das ich vielleicht eine Inspiration für andere sein kann, so wie sie es für mich ist.

Meine Mama sitzt heute übrigens in diesem Theater. Wenn wir, wie sie, Verantwortung für unsere Wirkungsfelder aufnehmen, werden wir zu Pionieren. Wir sind schon mittendrin in einer Revolution. Für mich ist es eine Revolution der Liebe. Und wenn Ihnen das Wort Liebe zu groß ist, dann nehmen Sie halt…Mitgefühl, Achtsamkeit, Nachhaltigkeit – völlig egal! Wir können jetzt Pioniere dafür sein, wenn wir unsere eigenen Arenen bewusst gestalten. Wir können nicht durch dieses Leben gehen, ohne andere Menschen und ihre Welt zu bewegen. Das ist die gute Nachricht. Wir sind Veränderer – und das ist die Definition von Menschsein…Und die Welt ist mehr als bereit für uns.